Kurzgeschichte: Erwachen

Mein Debütroman
27. September 2017

Meine Ohren erwachen zuerst. Ich höre ein regelmäßiges, enervierendes Piepsen und kann es nicht einordnen. Als nächstes wird mir klar, dass ich weder weiß, wo ich bin, noch wie ich heiße. Alarmiert schlage ich die Augen auf. Ein unbekanntes Gesicht schwebt über mir und studiert etwas außerhalb meines Blickfeldes. Weißer Kittel, Stethoskop. Ein Arzt. Ich schnaufe und sein Blick wendet sich mir zu. „Sie sind wach. Das wurde ja auch Zeit, Sie haben uns ganz schöne Sorgen bereitet, junge Frau!“
„Weshalb bin ich hier?“
Er lächelt mich wohlwollend an. „Die Standardfrage lautet ‚Wo bin ich?‘. Schön, dass Sie mal Abwechslung reinbringen.“ Als er merkt, dass ich sein Lächeln nicht erwidere, fährt er fort. „Sie hatten einen Autounfall. Und verdammt viel Glück. Zehn Zentimeter weiter oben und statt Ihres Armes wäre Ihr Schädel gebrochen. Und Sie vermutlich tot.“
Ein gebrochener Arm. Das kann ja nicht so schlimm sein. Ich versuche mich aufzusetzen. Dem Gott in Weiß passt das nicht.
„Bleiben Sie liegen! Sie dürfen noch nicht aufstehen.“ Er gibt mir eine Spritze und die Welt um mich verschwindet wieder.

Eine gesummte Melodie weckt mich. Dieses Mal schlage ich die Augen sofort auf. Eine Krankenschwester steht neben meinem Bett. „Guten Morgen!“, zwitschert sie. „Ihre Vitalfunktionen haben sich stabilisiert, wir konnten Sie vom Monitor nehmen.“
Ich setze mich auf und bekomme einen Becher Wasser gereicht. Mein Kopf brummt. „Was ist passiert?“.
„Sie hatten einen Unfall. Der Mann aus dem anderen Auto ist auch bei uns.“ Sie plappert weiter vor sich hin. „Den hat es allerdings schlimmer erwischt. Gebrochener Kiefer und gebrochene Hände.“ Sie strahlt mich an. „Aber da Sie jetzt wach sind, können Sie uns ja sagen, wie Sie heißen. Und wir brauchen auch noch Ihre Adresse und Ihre Krankenversicherung.“
Angestrengt durchforste ich mein Gehirn. Absolute Leere. „Ich weiß es nicht.“
„Sie wissen nicht, wo Sie versichert sind?“
„Nein, ich weiß nicht, wie ich heiße. Oder was passiert ist. Oder wer ich bin.“ Ich verfalle in finsteres Schweigen.
„Oh. Na, machen Sie sich mal keine Sorgen. Dass nach einem Unfall das Gedächtnis weg ist, kommt öfter mal vor. Das kommt sicher ganz schnell zurück!“. Sie tätschelt meine Schulter. Ich starre sie an. Sie scheint sich in meiner Gegenwart nicht wohlzufühlen, ihr Lächeln ist in ihrem Gesicht festgefroren.
„Wo liegt der Mann?“ Das Wasser ist kühl und tut gut. Bis auf den letzten Tropfen leere ich den Becher.
Sie zögert. Sie scheint mir nicht zu trauen. Ich muss anders agieren. Also lächle ich sie an. „Ich wollte nur schauen, ob er mir bekannt vorkommt. Dann erinnere ich mich vielleicht.“
Sie nickt. „Er liegt in Zimmer 32.“ Sie nimmt den Becher an sich. „Sie dürfen aber erst morgen aufstehen.“
Ich nicke und bereue es sofort. Mein Kopf brummt und die Welt verschwimmt wieder. Die Schwester bemerkt es und ruft einen Arzt, der mich mit seiner Wundermedizin wieder schlafen legt.
Ich erwache erneut und versuche, mich vorsichtig aufzusetzen. Als mein Körper nur wenig protestiert, stehe ich auf. Ich wanke etwas, doch dann pegele ich mich ein. Ein Schritt vor den anderen, schön langsam, dann geht’s. Vorsichtig mache ich mich auf die Suche nach dem Mann, der mich in dieses Krankenhaus geschickt hat. Niemand beachtet mich. Nach kurzer Suche habe ich ihn gefunden, das Krankenhaus ist winzig. Er liegt in seinem Bett und schläft. Plötzlich stürmen zwei Kinder den Flur entlang auf mich zu, ich gehe etwas weiter und tue so, als müsste ich mich kurz ausruhen. Ich halte mich an dem hölzernen Handlauf fest, der die gesamte Station säumt und blicke nach unten. Eine Frau mit sorgenvollem Gesicht folgt den beiden, sie gehen zu dem Mann. Er erwacht und die Kinder stehen still vor ihm und starren ihn an. „Papa?“, fragt eine ängstliche Stimme. Er gibt einen Laut von sich, der wohl Zustimmung signalisieren soll. Die Frau bricht in Tränen aus. „Ach Paul, das ist alles so schrecklich!“.
Ich starre die Familie an und warte auf irgendeine Eingebung. Nichts. Ich weiß noch immer nicht, wer ich bin. Oder wer mein Unfallgegner ist. Und ich frage mich, ob ich nicht beunruhigt sein soll, weil ich nicht die geringste Ahnung habe, wie ich heiße und wo ich hingehöre. Seltsamerweise bin ich ganz gelassen. Vielleicht gefällt mir der Urlaub von mir selbst? Nachdenklich trete ich den Rückweg an und blicke noch einmal zu dem Mann ins Zimmer, der gerade auf seine Kinder blickt. Er hat flammend rote Haare, viel mehr ist wegen des Gestells an seinem Kopf nicht zu sehen. Ich gehe in mein Zimmer zurück und bin plötzlich tatsächlich gezwungen, mich abzustützen, weil mir die Beine wegknicken. Alles dreht sich, ein rasender Schmerz fährt in meinen Kopf und ich kann nur meine Hände um das kühle Holz des Handlaufs pressen und warten, bis es vorbeigeht. Der Schmerz lässt endlich nach und eine Szene spielt sich unerwartet vor meinem inneren Auge ab.

Ein Auto kommt die Bergstraße hinauf. Ich sehe einen Mann mit flammend rotem Haar und entschlossenem Gesicht. Er sitzt hinter dem Lenkrad seines Autos und lenkt seinen Wagen in meinen, während er mich grimmig anstarrt.

Der Mann wollte mich töten! Ich warte auf mehr Informationen, aber mein Gehirn streikt. Also schlurfe ich in mein Bett zurück, flüchte mich in den tröstenden Schlaf und frage mich beim Einschlafen, weshalb ich noch immer nicht beunruhigt bin.

Stimmen wecken mich. Eine neue Patientin hat das leere Bett in meinem Zimmer bezogen. Sie weint und wird von ihrem Mann getröstet. Wie er sie ansieht! Als wäre sie das Wertvollste, das es gibt. Ob es in meinem Leben auch jemanden gibt, der mich so ansehen würde, wäre er hier? Eine plötzliche Traurigkeit überfällt mich, die mich erstaunt. Ich war nicht verängstigt, weil ich mein Gedächtnis verloren habe. Ich war nicht erschrocken, als ich festgestellt habe, dass der Mann mich umbringen wollte. Und nun bin ich traurig, weil ich sehe, dass jemand geliebt wird? Weshalb ist es schlimmer für mich, nicht geliebt als vielleicht getötet zu werden? Plötzlich möchte ich vor mir selbst flüchten. Ich drücke auf den Knopf, der die Schwester ruft und bitte um ein Schlafmittel.

Nachts erwache ich erneut. Und dieses Mal bin ich voll da. Alles ist da. Ich erinnere mich.

Die Bergstraße ist bis auf das Auto des Zielobjektes verlassen. Ich starte meinen Wagen, fahre ihm entgegen und halte kurz hinter der engen Kurve. Mir bleibt nur ein Zeitraum von wenigen Sekunden, um zu schießen, doch das macht mir keine Sorgen. Ich bin Präzision gewohnt. Ich werde im exakt richtigen Moment den Abzug drücken, sein Wagen wird weiter geradeaus fahren und den Abhang hinunterstürzen. Dann ist ein weiterer Auftrag erfolgreich ausgeführt. Noch wenige Augenblicke, ich kann schon sein flammend rotes Haar sehen. Das Auto kommt näher. Er lächelt mich an. Dieses Lächeln löst irgendetwas in mir aus und ich kann nicht abdrücken. Doch er sieht meine Waffe, aus dem Lächeln wird ein Ausdruck grimmiger Entschlossenheit, er fletscht regelrecht die Zähne, und statt an mir vorbei zu fahren, reißt er sein Lenkrad herum und fährt in mich hinein.

Ein unentschuldbarer Moment der Schwäche ist also dafür verantwortlich, dass ich beinahe gestorben wäre. Sonst geschieht der Tod anderen, nicht mir. Ich serviere ihn nur. Dieses Mal hat mich jemand die Sterblichkeit kosten lassen und sie schmeckt mir nicht. Doch ich muss meinen Auftrag beenden. Ich muss mein Zielobjekt beseitigen, bevor er sich verständlich machen kann. Und bevor mein Auftraggeber unruhig wird. Konzentriert atme ich ein und aus, um mich zu beruhigen und plane mein Vorgehen. Mein gebrochener Arm macht mein Vorhaben schwierig, aber nicht unmöglich. Ich klemme mir mein Kopfkissen unter den Gips und begebe mich zu Zimmer 32. Ich werde ihn ersticken und ihn mit meinem Körpergewicht dabei unten halten, so dass ich die Kraft meines eingegipsten Armes nicht benötigen werde. Schon stehe ich neben seinem Bett und schaue auf sein schlafendes Antlitz. Er schlägt die Augen auf und blickt mich an. Er blickt mich einfach nur ruhig an, er keucht nicht mal. Ich bin mir sicher, dass er weiß, weshalb ich hier bin, aber er zeigt keine Angst. Wir sehen uns still in die Augen und es entsteht eine eigenartige Art von Intimität. Ich fühle mich von seinem Blick plötzlich seziert, als würde er die Teile meines Wesens unter das Mikroskop legen, sie betrachten und genau erkennen, wer und was ich bin. Und nun wissen wir beide, dass ich nicht das bin, was ich sein sollte. Dass ich das verachte, was ich bin. Dass ich nicht länger den Tod bringen möchte. Mir fließt eine Träne die Wange herunter. Sie fällt und landet genau auf seiner Nasenspitze. Sie zerspringt in tausende kleine Tropfen. „Es tut mir leid“, flüstere ich. Ich drehe mich um und gehe.

 

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